Dr. Aleksandra Sowa (2015): „Wahlmaschine“ des Virtuellen Ortsvereins

Gespräch mit den Wahlleitern des VOV, Jens Hoffmann und Axel Schudak

„Ihr werdet nie virtuell Plakate kleben können!“ ‒ an diese Aussage des SPD-Ehrenvorsitzenden, Hans-Jochen Vogel, an den Virtuellen Ortsverein (VOV) gerichtet, erinnerte Jörg Tauss in seinem Beitrag über „Die Geschichte des VOV und der Netzpolitik“. Plakate wurden vom VOV gewiss nicht geklebt, dafür wurde im Virtuellen Ortsverein bereits im Jahr 1995 virtuell gewählt. „Ich habe die Mails damals noch per Hand ausgezählt“, erinnert sich der Wahlleiter, Axel Schudak, an die ersten Vorstandswahlen (die zugleich vermutlich die ersten Onlinewahlen deutschlandweit gewesen sind), „damit dürfte die erste Onlinewahl in der Steubenstraße in Oldenburg organisiert und ausgezählt worden sein.“ Er kann sich auch deshalb „noch recht gut an die erste Auszählung erinnern“, weil sie sehr knapp war. „Immerhin lagen Jakob von Weizsäcker und Heino Prinz nur wenige Stimmen auseinander …“, erinnert er sich, „und ich wollte eigentlich Jakob.“ Gewonnen hat dann doch Heino Prinz – und wurde erster virtuell gewählter Vorsitzender des VOV (s. Wahlergebnis der Vorstandswahlen 1995).

Ergebnis der ersten Vorstandswahlen des VOV im Jahr 1995, hier: Online-Wahl des Vorsitzenden.
Ergebnis der ersten Vorstandswahlen des VOV im Jahr 1995, hier: Online-Wahl des Vorsitzenden.

Von den Besten lernen

Bis zu seiner Auflösung im Jahr 2011 [1] wurden sowohl alle Vorstandswahlen online vollzogen als auch interne Abtimmungen per E-Mail durchgeführt. „Der VOV hatte sich von Anfang an auf die Fahne geschrieben, zu untersuchen, wie direkte Demokratie im Internet realisiert werden kann. Dazu gehören selbstredend auch Wahlen“, erinnert sich Jens Hoffmann, Mitbegründer des VOV und etliche Jahre selbst der (online gewählte) Wahlleiter des Vereins.

Offene Stimmabgabe oder Meinungsäußerung ist im Internet wie auf Mailinglisten relativ einfach möglich. „Ganz zu Anfang haben wir ein altes Wahlverfahren aus dem Usenet kopiert“, bemerkt Jens Hoffmann. Im Usenet wurden beispielsweise Entscheidungen über die Entstehung neuer Diskussionsgruppen, Abschaffung dieser oder Änderung von Richtlinien in geregelten Verfahren abgestimmt. Dem standardisierten Request for Discussion (RfD) folgte ein sogenannter Call for Votes (CfV), in welchem innerhalb von drei bis vier Wochen (mit einwöchiger Einspruchsfrist) beispielsweise über die Einführung eines neuen Diskussionsforums entschieden wurde. Der Wahlzeitraum betrug laut Wahl- und Abstimmungsordnung des VOV vierzehn Tage bei Wahlen und Satzungsänderungen und sieben Tage in allen anderen Fällen. Die Frist für den Einspruch betrug dann aber ganze zwei Wochen [2].

Operation KISS (keep it simple, stupid) [3]

So kam man im Usenet zu dem Ergebnis: „Nach dem Ende des Abstimmungszeitraums werden die Stimmen ausgewertet. Im Ergebnisposting wird bekannt gegeben, wie viele Stimmen für jede Variante abgegeben wurden und ob damit die Hürden der Einrichtungsrichtlinien überschritten wurden“, erklärten Boris Piwinger und Elmar Bins in ihrem Buch über Newsgroups, „[d]azu wird eine Liste aller Abstimmenden mit Nennung der Wahlentscheidung veröffentlicht“ [4].

Langjähriger Wahlleiter des VOV, Jens Hoffmann, wusste, wie man das System "austricksen" kann © Petra Tursky-Hartmann
Langjähriger Wahlleiter des VOV, Jens Hoffmann, wusste, wie man das System „austricksen“ kann © Petra Tursky-Hartmann

Die Vorstandswahlen (und Personenwahlen im Allgemeinen) erforderten jedoch ein Mindestmaß an Anonymität, Vertraulichkeit – und Integrität. Eine offene Abstimmung per E-Mail wäre den demokratischen Prinzipien einer freien und geheimen Wahl nicht gerecht – und war im Virtuellen Ortsverein einfach nicht erwünscht. Ein Wahlsystem musste her.

Die Lösung für die VOV-Wahlen überzeugt heute immer noch durch ihre Einfachheit: „Nun könnte jeder eine Mail mit seiner Stimme an den Wahlleiter schicken. Der zählt dann und veröffentlicht das Ergebnis“, erklärt der langjährige Wahlleiter des VOV, Jens Hoffmann. So weit, so gut. Doch ab dann wurde es kompliziert, denn das Ergebnis einer so durchgeführten geheimen Wahl wäre nicht a posteriori validierbar, „der Wahlleiter könnte ja Stimmen falsch zuordnen, oder einfach noch paar Stimmen mehr erzeugen oder, oder, oder …“, erinnert sich Jens. „Wir brauchten also ein Wahlverfahren, das geheim und nachvollziehbar war.“

„Jeder Wahlberechtigte musste in die Lage versetzt werden, seine Stimmabgabe (a posteriori) zu prüfen. So konnte der Wähler etwaigen Manipulationsversuchen selbst auf die Spur kommen. Die Grundidee war recht einfach. Abgestimmt wurde via E-Mail. „Jeder Wähler hat seine Stimme mit einem Kennwort markiert“, erklärt Jens das Prozedere. Sobald alle Wähler ihre Stimmen an den Wahlleiter schickten, hatte dieser das Ergebnis veröffentlicht und statt des Namens das (gewählte) Kennwort angegeben. „Jeder konnte nach seinem Kennwort suchen und prüfen, ob seine Stimme richtig aufgenommen wurde.“

"Wahlzettel" für die Personalwahl. Muster aus dem Jahr 1997.
„Wahlzettel“ für die Personalwahl. Muster aus dem Jahr 1997.

Dieses Wahlverfahren basiert auf der – heute auch in E-Commerce verbreiteten ‒ Idee der sogenannten Trusted Party. Und die „trusted authority“ bzw. „trusted third party“ war beim Virtuellen Ortsverein der Wahlleiter: „Bei diesem Verfahren bleibt der Wahlleiter jemand, der alle Stimmabgaben der Wähler kennt. Das Vertrauen in das Wahlverfahren war also grundsätzlich im Vertrauen in den Wahlleiter gegründet“, erklärt Jens die Idee. „Wir haben lange hin und her überlegt, die Köpfe heiß geredet, aber erstaunlicherweise fanden wir kein Verfahren, das nicht an irgendeiner Stelle dasselbe Vertrauenslevel erforderte wie das, welches dem Wahlleiter entgegengebracht wurde.“

20 Jahre Online-Wahlen!

Der Virtuelle Ortsverein hat die Modalitäten für die Onlinewahlen – Personenwahlen, CfVs und RfDs – in einer Wahl- und Abstimmungsordnung festgelegt. Diese sollte eigentlich nur so lange gelten, „bis sichere Verfahren für eine geheime Abstimmung (Wahlmaschine) entwickelt und eingeführt worden sind“ [5]. Tatsächlich hat sich bis heute kein elektronisches Wahlverfahren durchsetzen können. Die Komplexität der Hardware und der Software scheint bei jeder weiteren Lösung zwar zu steigen, doch das erschwert offenbar nur noch die Umsetzung der Mindestvorgaben für Sicherheit, Datenschutz und Anonymität für geheime, allgemeinzugängliche und gleiche Wahlen.

In diesem Jahr „könnten wir vielleicht sogar noch 20-jähriges Jubiläum der Onlinewahlen in Deutschland feiern“, bewertet Axel Schudak das VOV-Experiment. Doch er schränkt dabei ein, dass er „Wahlen, in denen konkrete Macht verteilt wird, weder Wahlmaschinen noch einem Onlineverfahren anvertrauen möchte“. Axel war fast sieben Jahre der Wahlleiter des VOV und hat Onlinewahlen in der Autopsie erprobt. Es gibt nicht viele Menschen, die auf diesem Gebiet so viel Erfahrung vorweisen können. „Wahlmaschinen aller Couleur stehen nicht umsonst unter sehr kritischer Beobachtung der IT-affinen Community“, kommentiert der ebenfalls langjährige Wahlleiter, Jens Hoffmann.

Eine Sache musste trotzdem auch in der virtuellen Welt noch geklärt werden.

Wie prüft man in einem solchen – virtuellen ‒ Wahlsystem nun, ob die Wähler wahlberechtigt sind? „Dazu braucht es ein Wählerverzeichnis“, erklärt Jens Hoffmann. „Jedes Mitglied des VOV meldete sich schriftlich an und wurde dann mit Mailadresse registriert, auf dem VOV-Server gespeichert, und der Schriftführer konnte dem Wahlleiter zu jeder Wahl eine Liste der berechtigten E-Mail-Adressen geben.“ So wurde sichergestellt, dass nur VOV-Mitglieder an den Wahlen und Abstimmungen teilnehmen. Der Wahlleiter hat parallel mit dem Wahlergebnis eine alphabetische Liste der Wahlteilnehmer getrennt veröffentlicht [6]. „Das funktionierte so weit ganz ordentlich und war dann während des ganzen Lebens des VOV das Wahlverfahren“, konstatiert Jens.

Das schriftliche Offline-Anmeldeverfahren war für die „Virtuellen“ zwar unüblich, hatte aber einen wichtigen Zweck. Es stellte das Prinzip „one man one vote“, oder besser gesagt: ein Mann – eine E‑Mail-Adresse – eine Stimme, für die Onlinewahlen sicher. Einige der VOV-Mitglieder sind sich tatsächlich nie persönlich begegnet. Und diejenigen, die sich öfters begegnet sind, wussten offenbar, das Verfahren umzugehen. Jens Hoffmann erzählt dazu gerne eine Anekdote: „Ich selber habe mich nie schriftlich angemeldet. Ob es mich gibt, haben dann nur verschiedene Genossen in Real Life feststellen können.“ Diesen „Strickfehler“ hat er natürlich nie öffentlich erwähnt. J

YAOTM (yet another off-topic message)? Aber nur auf den ersten Blick.

Möglicherweise hatte Hans-Jochen Vogel recht damit, dass man im Internet nie Plakate wird kleben können. Wahrscheinlicher ist allerdings, dass man sich nicht die Frage gestellt hat, ob man für virtuelle Plakate überhaupt noch so etwas wie Kleber braucht. Oder ob man im Internet noch so etwas wie Plakate braucht. Heute kann man das Internet für allerlei Unnützes benutzen. Man kann sich beispielsweise per Internet Platz in den Warteschlagen zu den wichtigeren Anhörungen des US-Kongresses sichern. Und zwar, indem man die Dienstleistungen einer Online-Firma bucht, die wiederum Arbeitslose dafür bezahlt, sich für die Lobbyisten und Industrievertreter vor den wichtigeren Anhörungen in die Schlange vor dem Kongress anzustellen [7]. Ob dies nun ethisch, moralisch und demokratisch ist (aus der Sicht des Kapitalisten spricht offenbar nichts dagegen, jemanden fürs Schlangestehen zu bezahlen, nur handelt es sich im Fall des US-Kongresses nicht um einen Supermarkt), sei dahingestellt. Doch es steht fest – ja, auch Schlangestehen für den Kongress kann über eine Webseite gebucht werden. Ob es Sinn macht, ob man dazu wirklich eine fortgeschrittene Technologie wie das Internet braucht, oder ob das demokratische Gemeinwohlprinzip entwertet und etwa gesellschaftliche Praxis korrumpiert, sind ganz andere Fragen. Fragen, über welche man möglicherweise nicht ernsthaft nachgedacht hat.

 

Der Virtuelle Ortsverein tat es.

 

Unbedingt lesen! Axel Schudak (2015). Online-Wahlen im VOV (31.3.2015)

 

[1] Tursky-Hartmann, P. 2015. „…das Internet für die politische Arbeit der SPD erforschen“. In: Virtueller-Ortsverein, http://virtueller-ortsverein.de/das-internet-fuer-die-politische-arbeit-der-spd-erforschen/, 27.4.2015 (Zugriff: 1.8.2015).

[2] Vgl. Pkt. III.2 der Wahl- und Abstimmungsordnung des VOV. In: WaybackMachine, http://web.archive.org/web/19961222172627/http:/vov.de/, 19.2.1997 (Zugriff: 1.8.2015)

[3] Einige der (heute teilweise ganz vergessenen) Abkürzungen sind hier zu finden: Piwinger, B. A. und Bins, E. K., 1997. Newsgroups. Weltweit diskutieren, S. 329.

[4] Piwinger, B. A. und Bins, E. K., 1997. Newsgroups. Weltweit diskutieren, S. 318.

[5] Vgl. Pkt. IV der Wahl- und Abstimmungsordnung des VOV. Ebenda.

[6] Vgl. Pkt. III.1 der Wahl- und Abstimmungsordnung des VOV. Ebenda.

[7] Vgl. Sandel, M. J., 2014. Was man für Geld nicht kaufen kann. Die moralischen Grenzen des Marktes.

Dr. Aleksandra Sowa (2015): Der erste (echte) Netzerklärer der Nation (oder wenigstens der SPD)

 

September 20005 VOV-Vorstand trifft Brigitte Zypries in Darmstadt © Petra Tursky-Hartmann
Jens Hoffmann erklärt Brigitte Zypries VDS © Petra Tursky-Hartmann

In der Aprilausgabe des deutschen Wired-Magazin war kürzlich zu lesen, wie Sascha Lobo zum „Netzerklärer der Nation“ wurde: „die Stelle war Mitte der Nulljahre noch frei und vielversprechend“ [1]. Jens Hoffmann, der Pionier und Mitbegründer des Virtuellen Ortsvereins (und etliche Jahre Wahlleiter des VOV), wurde zum Netzerklärer der Nation schon im Jahr 1995. Genauer genommen, im November 1995 auf dem Bundesparteitag der SPD in Mannheim. Sein Erkennungsmerkmal: – nein, kein pinker Irokese! – die getönte Brille.

Berlin Dezember 1999 SPD Parteitag Estrel Petra Tursky-Hartmann und Franz Müntefering
„Netzerklärer“ bei der Arbeit © Petra Tursky-Hartmann (Quelle: SPD PV)

Auf dem Parteitag hat Jens seine „Standard-Sales-Präsentation“ gehalten, was so viel hieß, wie der Politprominenz, den Interessierten, Besuchern und der Partei das Internet und das Web auf dem Internetstand („Internetcafé“ nannte man es damals) zu erklären.

„In Jahr 1995 bestand das Internet noch nicht aus vielen bunten Bildern, die Übertagungsraten für bezahlbare private Netzanschlüsse reichten gerade für die Text- und Mail-Abfragen“, erinnert sich Jens. Dementsprechend blühte die ASCII-Kunst in den Newsgroups und Chatforen, also die Art, Grafiken ohne Grafik darzustellen (überlebt haben bis heute die infantilen Nikoläuse und Osterhasen, die man sich gelegentlich noch per SMS schickt – Tendenz sinkend). „Ich erklärte auf dem Parteitag im Mannheim, was für Anwendungen gibt es im Netz, wozu sind die gut etc. Das war nicht viel. Mein Repertoire war beschränkt und bestand aus E-Mail, Gopher, Web, ftp und Usenet“, sagt Jens. „Das alles war noch sehr technisch. Es gab nicht sooo viel Interessantes für das Publikum auf dem Parteitag. Den Kunden habe ich daher meist nach seinen Interessen gefragt und mich dann an seinen Wünschen orientiert.“

1999 SPD Parteitag in Berlin im Estrel - Petra Tursky-Hartmann mit Martin Bury am Infostand des VOV
„Netzerklärer“ bei der Arbeit: Petra Tursky-Hartmann mit Martin Bury © Petra Tursky-Hartmann (Quelle: SPD PV)

Kunden- bzw. zuschauerorientiert musste dann die Präsentation erfolgen: „Usenet habe ich immer als Realtime-Wissensdatenbank präsentiert. Das machte damals bei Politikern anders nicht viel Sinn, da auch das Usenet noch sehr technisch war“, so Jens. Und erinnert sich an eine kleine Anekdote aus der Pionierzeit: „Einmal erklärte ich das Internet Wolfgang Thierse. Ich habe ihm Usenet gezeigt und das mit der Wissensdatenbank erklärt. Er fragte mich dann, wo die Redakteure denn wären. Ich hab Herrn Thierse nicht ausgelacht, war aber doch eine Sekunde lang sprachlos.“

VOV-Vorstandstreffen in Heidelberg - Jens Hoffmann © Petra Tursky-Hartmann
„Netzerklärer“ nach der Arbeit: Jens Hoffmann © Andreas Bieber

Die ersten Netzerklärer hatten keine „Spiegel-Online“-Kolumne zur Verfügung, dafür aber verfügten sie über ein viel anspruchsvolleres technisches – meritorisches wie motorisches ‒ Hintergrundwissen als die „Kunden“ aus der eigenen Partei, die es aufzuklären galt. Neben der Netzaufklärung auf den Messen, Parteitagen, Workshops und auf Konferenzen wurden von Jens und anderen VOV-Mitgliedern auch Web-Tutorials verfasst.

Newsgroups Piwinger BinsBoris (Pi) Piwinger publizierte beispielsweise auf seiner piology.org-Seite „pi‘s Einführung in Network News (Usenet)“ und schrieb sogar ein paar Jahre später zusammen mit Elmar Bins ein Buch über Newsgroups [2]. Dieser Einführung in das Usenet kann man heute immer noch viele nützliche Informationen entnehmen. So kann man beispielsweise erfahren, dass die meisten Menschen heute in ihren E-Mails die Zitierweise TOFU (= Text Oben Fullquote Unten) nutzen ‒ während die „Old Boys“ des Internets meist noch das gekürzte oder ungekürzte Inline-Quote bevorzugen. Die noch im Netz erhaltenen Web-Tutorials sind Zeugen der „Netzerklärung“ aus den Pionierzeiten des Internets ‒ und ein Stück der Netzgeschichte. So, wie der Virtuelle Ortsverein und seine „Netzerklärer“ ein wichtiger Teil der Geschichte der Netzpolitik sind.

[1] Hentschel, J.; Rank, E. & Tanriverdi, H. 2015, „Das Netz ist kaputt – es lebe das Netz!“, in: Wired 04.15, 62-69.

[2] Piwinger, B.A. und Bins, E.K., 1997. Newsgroups. Weltweit diskutieren. Bonn: Thomson Publishing.

Dr. Boris `pi´Piwinger (2015): „de.org.politik.spd“ – Politik im Usenet und die Realpolitik

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Dr. Boris Piwinger AKA π (pi)

Mit Elmi Bins, den ich aus dem Netz kannte, haben wir 1995 die Mailingsliste „Virtueller Ortsverein“ (VOV) im Internet mitbegründet, um den rast- und heimatlosen Parteigängern der SPD eine Diskussionsmöglichkeit im Internet zu bieten. Als Student der Mathematik und Physik an der Universität in Bonn und mit einigen Jahren SPD-Mitgliedschaft im Rücken sah ich mich zur Mitarbeit in politischer Hinsicht gefordert, während Elmi als Internet-Provider der IVM-GmbH die Chance wahrnahm, sein technisches Know-how einzubringen, um das Internet inhaltlich politisch zu nutzen. Ich selbst sollte dem Virtuellen Ortsverein über viele Jahre treu bleiben, Elmi verabschiedete sich dagegen recht bald. Jedoch sein Geschäftspartner Jens Hoffmann blieb sehr aktiv im VOV.

Wie die Kommunikation im Netz anfing – weit vor dem VOV

Die Abteilung ARPA (Advanced Research Projects Agency) des amerikanischen Verteidigungsministeriums (Department of Defense, DoD) untersuchte im Jahr 1960, auf welche Weise man Computer unterschiedlicher Hersteller über Weiterverkehrsnetze (WANs = Wide Area Networks) miteinander verbinden könne und welchen Nutzen das hätte. AT&T spendierte die Telefonleitungen, die Firma BBN (Bolt, Beranek and Newman) wurde ausgewählt, das Netz aufzubauen, und das ganze Experiment wurde ARPAnet getauft. Der auf Anhieb meistgenutzte Dienst im ARPAnet war das Verschicken elektronischer Botschaften (E-Mails), mit denen alle Beteiligten schnell und zuverlässig erreichbar waren. Um über Projekte zu diskutieren, wurden Mailingslisten eingeführt, die eine an den Verteiler gerichtete Nachricht an alle eingetragenen Empfänger weiterleitete. Ein einfaches, aber sehr effizientes Diskussionsmedium war geboren. Ende der 70er Jahre entstand dann das Usenet als Verbund von öffentlich zugänglichen Diskussionsgruppen, quasi die nicht auf einen Benutzerkreis eingeschränkte Version von Mailinglisten.

Der „Geist“ des Usenet

Das Usenet war damals nicht nur ein Verbund von Computern, sondern vielmehr eine sehr große Gruppe von Menschen, die vor allem eins im Sinn hatten: miteinander kommunizieren, andere kennenlernen und mit ihnen diskutieren. So entwickelte sich eine ganz eigene Kultur, und ein bestimmter Geist – früher hätte man wohl „Moral“ gesagt. Das Usenet beruhte auf dem Prinzip des Gebens und Nehmens. Wenn jemand immer nur Fragen stellte, wurde das nicht gern gesehen. Man erwartete, dass ein Fragesteller aus den Antworten lernt und irgendwann selbst einmal Fragen beantwortet.

Lesen und Verstehen

Newsgroups Piwinger Bins
Bins, Elmar K. und Boris-A. Piwinger: Newsgroups: Weltweit diskutieren (1997)

Das Usenet ist ein Gebilde aus Diskussionsforen, das schon länger als das Internet, wie wir es heute kennen, existiert. Damals beschränkte man sich darauf, Nachrichten auf seinem lokalen Rechner einzuliefern, in der Hoffnung, dass der sich noch am gleichen Tag mit den Nachbarrechnern verband, um Daten mit Hilfe eines für heutige Verhältnisse quälend langsamen (300 Bit/s) Modem oder Akustikkoppler über die Telefonleitung auszutauschen. Von ISDN oder gar DSL war damals noch keine Rede, auch nicht von Standleitungen. Man tauschte ein- bis fünfmal am Tag die geschriebenen Beiträge aus und nahm sich anschließend auch die Zeit, diese zu lesen bzw. darauf zu antworten. Heute sind wir daran gewöhnt, dass der Informationsaustausch wahnsinnig schnell stattfindet. Wir sind immer und überall per Mobiltelefon erreichbar, und unsere E-Mails werden nahezu zeitgleich mit dem Versenden schon beim Empfänger auf dem Bildschirm angezeigt. Unter diesen Umständen tendiert man natürlich auch dazu, nicht vollständig Durchdachtes von sich zu geben und andere damit zu verwirren oder sie sogar in ihrem Wohlbefinden zu beeinträchtigen – sprich: ihnen kräftig auf die Füße zu treten.

Die Entstehung von de.org.politik.spd

Wie das mit populären Mailinglisten so ist, die Anzahl der Mitglieder wuchs rasend schnell. Allerdings waren viele von denen, die sich eintragen ließen, mit dem Internet und seinen Gepflogenheiten nicht sonderlich vertraut. Die meisten waren absolute Neulinge, die rein an der inhaltlich-politischen Arbeit interessiert waren und die technische Seite dabei so sehr vernachlässigten, dass sie sich den (aus Internet-Sicht berechtigten) Zorn der Netzerfahrenen zuzogen. Zudem nahm die Anzahl der täglich abgeschickten und weiterverteilten E-Mails einen derartigen Umfang an, dass sich viele überfordert sahen. So und unter dem Aspekt Politik tatsächlich öffentlich zu betreiben, entstand die Idee, den VOV (auch) ins Usenet zu verlagern.

In meiner Funktion als „Usenet-Beauftragter“ starte ich 1995 also einen so genannten RfD (Request for Discussion), um die Newsgroup „de.org.politik.spd“ im deutschen Usenet einzurichten. Der Widerstand war überraschend groß, gab es doch Zweifel daran, ob denn tatsächlich eine SPD-spezifische Gruppe neben den existierenden Gruppen zur Politik allgemein tragfähig sei und vor allem auch klar abgrenzbar. Das machte die Diskussion lang und erbittert. Sie endete dennoch erfolgreich, und die Gruppe wurde eingerichtet.

Leider sollten die Kritiker Recht behalten, und die Gruppe scheiterte. Zum einen waren die meisten VOV-Mitglieder keineswegs bereit, sich derart in die Öffentlichkeit zu begeben. Zum anderen wurde die Gruppe von stalinistisch angehauchten Trollen permanent massiv attackiert. Kein schönes Kapitel, weshalb ich die Erinnerung daran auch gleich wieder verdränge.

 Ganz real

Aber auch die SPD war an „de.org.politik.spd“ nicht wirklich interessiert. Die Anerkennung einer Graswurzelbewegung – wie der VOV es war – war absolutes Neuland. Als Bonner (auf Zeit) und Mitarbeiter von Jörg Tauss im Bundestag war ich dann mit meiner zweiten Aufgabe als „Bonner Repräsentant“ des VOV ziemlich damit beschäftigt, diese Anerkennung in der Partei zu erhalten. Was letztlich in dem Schriftstück endete, das dem VOV erlaubte, den Namen SPD zu verwenden.

03_1997_01_27_VOV_Offizielle_Vereinbarung_mit_PV_Muentefering_Piwinger_Bonn © Petra Tursky-Hartmann

Eine weitere Aufgabe des Bonner Repräsentanten war es, die vom VOV erarbeiteten Inhalte in die Realpolitik zu tragen. Und so habe ich als Mitarbeiter im Bundestag Jörg Tauss unterstützt. Es gab damals ja keine Fraktionsmeinungen zu netzpolitischen Themen. Denn alle Parteien hatten davon herzlich wenig Ahnung. Ja, es gab Experten (deutlich weniger als zehn im Deutschen Bundestag). Und es gab Ignoranten. Also ein ganz anderer Frontverlauf, als man ihn in der Politik gewohnt war. Interessanterweise sind die Themen von damals auch immer noch die Themen von heute, wie z. B. der Zugang zum Netz, Fragen zur Überwachung („Es kann doch nicht sein, dass …“) etc.

Später war ich auch als Webmaster im VOV aktiv und habe einen großen Relaunch umgesetzt. Aber das ist eine andere Geschichte.

Der Niedergang des VOV war jedoch letztendlich nicht zu verhindern. Zu viel Beschäftigung mit sich selbst. Und zu wenig Interesse an den eigentlichen Kernthemen des VOV bei der Mehrheit seiner Mitglieder. Das führte dazu, dass der Virtuelle Ortsverein zu einem allgemein politischen Debattierklub ohne klares Profil verkam. Außerdem ließen sich die von uns erarbeiteten Inhalte weder in der SPD noch in der Öffentlichkeit wirksam platzieren. Als die Partei begann, sich Schritt um Schritt von den Idealen des VOV abzuwenden, läutete das einen schleichenden Exodus der Netzexperten ein. Und so starb der VOV sehr, sehr langsam. So langsam, dass Bruce Willis dagegen wie ein Dilettant anmutet.